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Visualisieren, Imaginieren, Manifestieren, Jubilieren


Veröffentlicht am 05.01.2019, ungefähr 1300 Wörter, zum Lesen benötigte Lebenszeit ca. 6 Minute(n).
Tags: #gitarre #Musik

Visualisierung gilt als effektives Werkzeug für “fortgeschrittene” Musiker. Als ich zum ersten Mal mit dem Konzept konfrontiert wurde, hatte ich schon einige Jahre mehr oder weniger erfolgreich versucht, ein “fortgeschrittener” Gitarrist zu werden. Meine ersten Versuche mit dem Visualisieren, waren ziemlich erfolglos, und so gab ich die Sache bald wieder auf.

Irgendwann bemerkte ich, dass ich Visualisierung durchaus anwendete, und zwar beim Üben von Tonleitern und Akkordmustern. Das Gitarrengriffbrett lädt geradezu dazu ein, in visuellen Mustern zu denken, und so lernte auch ich mein musikalisches Material auf diese Weise. Was ich jedoch niemals bewusst tat, war mich selbst beim Spielen zu visualisieren.

Noch viel später kam ich in Kontakt mit den Ideen des “New Thought”, welcher heute vor allem unter den Labels positives Denken und Selbsthilfeliteratur bekannt ist und von den meisten Intellektuellen mit einem nicht geringen Maß an Verachtung bedacht wird. Die Vertreter von New Thought behaupten, Gedanken würden sich durch die Vorstellungskraft manifestieren, d.h., in Realität verwandeln.

In diesem Artikel möchte ich anhand von Zitaten dreier glühender Befürworter der Visualisierungtechnik eine andere Art zu üben beschreiben. Zwei meiner Protagonisten, Juha Keränen und Steve Vai sind Gitarristen, der dritte, Neville Goddard, war ein Mystiker. Der Artikel ist kein Versuch, die Philosophien dieser Menschen komplett zu erfassen. Ich habe mir lediglich einige Ideen rausgepickt, um Parallelen zu zeigen.

No-Bullshit-Visualisierung

Die konkreteste Anleitung zum Visualisieren habe ich beim finnischen Multiinstrumentalisten Juha Keränen gefunden. Laut seinen eigenen Worten ist er

“Just a nobody who figured out a way to get where he wanted with the minimum amount of effort.”

Minimaler Aufwand – das hört sich schonmal sehr gut an.

Seine Methode hat er durch das Lesen in Internetforen und durch Ausprobieren entwickelt. Sie besteht aus drei Schritten:

  1. Entspannung
  2. Visualisierung
  3. Loslassen

Entspannung

Juha sieht Entspannung als Voraussetzung für das schnelle Lernen auf der Gitarre, und all meine Erfahrung aus 30 Jahren Gitarrespielen sowie 12 Jahren Alexandertechnik-Studium sagt mir: er hat Recht, und zwar in einem Maße, wie es sich die allermeisten Menschen noch nicht mal vorstellen können.

Eine gute Koordination ist Voraussetzung für eine gute Technik, und unnötige muskuläre Anspannung macht eine gute Koordination so ziemlich unmöglich. Die Themen Entspannung und Koordination sind zu umfassend, um sie in diesem Artikel angemessen zu würdigen. Interessierte möchte ich auf meine Alexandertechnik Website verweisen.

Visualisierung

Für Juha ist Visualisierung die effektivste Übetechnik überhaupt. Er schlägt vor, sich selbst beim Spielen einer bestimmten Passage vorzustellen. Dabei ist es wichtig, dass man in der Vorstellung präzise und vollkommen mühelos spielt. Das Tempo spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass man die verschiedenen Bewegungen in seiner Vorstellung untersucht, verfeinert und mit einem Gefühl völliger Entspannung und Souveränität verbindet.

Irgendwann spielt man die Passage dann tatsächlich, ohne dabei jedoch das Gefühl der Entspannung zu verlieren (Dass das Gefühl der Entspannung eine trügerische Angelegenheit sein kann, habe ich auch durch mein Alexandertechnikstudium erfahren müssen). Das konkrete Ergebnis wird wahrscheinlich nicht dem imaginierten entsprechen, worauf es nun wichtig ist, die Gründe für die Unterschiede zu finden und die Vorstellung entsprechend anzupassen. Erst wenn man einen neuen Plan entworfen und mental geübt hat, kommt der nächste konkrete Versuch.

Loslassen

Loslassen ist für Juha wichtig, weil wir, wenn wir zu viel emotional in unseren Wunsch gute Gitarristen zu werden, investieren, allzu schnell negative Gefühle entwickeln, und diese negativen Gefühle sich negativ auf unseren Fokus auswirken.

Und Fokus ist essenziell.

Dabei hat Juha eine gänzlich unspirituelle Sichtweise auf Visualisierung.

Das kann man von Steve Vai nicht behaupten.

Stell Dir vor, Du wärst in Frank Zappas Band

Steve Vai ist wahrlich kein “nobody”. In seinem bei truefire.com erhältlichen Videokurs widmet er ein ganzes Segment einem Prozess, den er “3 Step Manifestation” nennt. Steve ist sich sicher, dass dieser Prozess für alles im Leben funktioniert, u.a. für das Gitarrespielen Lernen.

Der Prozess geht so:

Schritt eins – Du musst etwas wirklich wollen

Du musst etwas wirklich wollen. Das ist gar nicht so einfach wie es klingt. Steve ermahnt uns, dass hinter dem, was wir glauben zu wollen, oft etwas ganz anderes steckt. Hinter dem Wunsch, ein fantastischer Gitarrist zu werden, steckt z.B. sehr oft ein Mangel an Selbstvertrauen, Anerkennung und Liebe. Wir müssen lernen, ehrlich mit uns selbst zu sein. “Weltlicher Erfolg” ist für Steve zumeist nur ein Nebenprodukt der Arbeit an einer tiefen Leidenschaft.

Schritt zwei – Visualisiere!

Wie für Juha ist auch für Steve Visualisieren wichtiger als alles andere, was Du auf der Gitarre tun kannst. Du kannst nur erreichen, was Du glaubst erreichen zu können. Er rät uns, in unserer Vorstellung ein klares Bild von uns zu entwickeln, wie wir die Passage oder Technik, die wir uns wünschen zu beherrschen, ausführen. Wie ein Bildhauer mit einem Meißel müssen wir dieses Bild entwickeln, und wie ein Bildhauer werden wir durch Übung besser darin.

Schritt drei - Erlauben

Schritt drei besteht darin zu erlauben, dass sich unsere Visualisierung manifestiert.

Wie machen wir das?

Wir müssen uns mit unserer Vision in Einklang bringen. Das tun wir, indem wir unseren Enthusiasmus kultivieren, indem wir jeden kleinsten Erfolg auf dem Weg dahin als Sieg und als Quell großer Freude empfinden. Dadurch wird der Prozess ins Rollen gebracht. Unsere Einstellung gegenüber unserem Ziel ist das A und O.

Steve fügt hinzu:

“Whatever you really really want, you’ll get.
Whatever you really really don’t want you’ll get.
That’s not my theory, that’s just the law of the universe.”

Das Gesetz des Universums? Geht es hier vielleicht um mehr als um Gitarrespielen?

Der Mystiker

Auf Neville Goddard bin ich durch die Lektüre von “One Simple Idea” von Mitch Horowitz gestoßen. Die zentrale Idee des New Thought, dass sich unsere Gedanken über den Weg der Vorstellung in Realität verwandeln können, war mir schon lange durch verschiedene andere Autoren bekannt gewesen. Kein anderer mir bekannte Autor oder Redner in diesem Bereich jedoch drückt sich so präzise, elegant und poetisch aus wie Neville. Ich hoffe, dass meine Versuche, ihn hier auf Deutsch zu paraphrasieren, dem zumindest ein wenig Rechnung tragen.

Für Neville ist Bewusstsein der Verursacher sowie die Substanz der Welt:

“Consciousness is the one and only reality.”

Er postuliert: Das Bewusste übt Eindruck auf das Unterbewusste aus. Das Unterbewusste bringt alle Eindrücke zum Ausdruck. Alles, was das Bewusste als wahr empfindet, wird vom Unterbewussten zum Ausdruck gebracht. Durch seine Fähigkeit sich Dinge vorzustellen und sie zu fühlen und durch seine Freiheit, die Gegenstände seiner Vorstellung selbst auszuwählen, hat der Mensch Kontrolle über die Schöpfung.

Kontrolle über das Unterbewusste wird also indirekt über die Kontrolle über unsere Ideen und Gefühle erreicht. Kontrolle will Neville jedoch nicht als das Unterdrücken negativer Gefühle verstanden wissen, sondern vielmehr als die Disziplinierung des Selbst, solche Gedanken und Gefühle hegen zu können, die unserem Glück zuträglich sind.

Können wir so unsere Ideen und Gefühle “kontrollieren”? Ich denke, das Stichwort hier ist “Disziplinierung”. Disziplin brauchen wir, wenn wir eine neue Idee kultivieren wollen. Je mehr die neue Idee unseren alten Ideen widerspricht, desto mehr Disziplin brauchen wir für den Prozess der Kultivierung. Und wie so ziemlich alle anderen mentalen Fähigkeiten kann auch Disziplin geübt und kultiviert werden.

“Do not dwell on the imperfection of yourself or others. To do so is to impress the subconscious with these limitations. What you do not want done unto you do not feel that it is done unto you or to another. This is the whole law of a full and happy life. Everything else is commentary.”

Kein Fazit

Ich hoffe, dieser Artikel hat ein wenig zum Nachdenken, Recherchieren oder vielleicht sogar zum Ausprobieren angeregt. Mein Fazit jedenfalls ist noch lange nicht gezogen.

Eine kurze Theorie des Glücklichseins


Veröffentlicht am 04.01.2019, ungefähr 700 Wörter, zum Lesen benötigte Lebenszeit ca. 4 Minute(n).
Tags: #lebenshilfe #essay

Kunst

Ratgeber zum Thema Glücklichsein füllen die Auslagen des Buchhandels. Es scheint also einen nicht geringer Bedarf an guten Tipps zum Thema zu geben.

Doch das ist nicht der Grund für diesen Artikel. Die Gedanken darin sind mir während meiner inneren Einkehr zum Jahreswechsel gekommen.

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass wir uns Glücklichsein nicht als einen Dauerzustand vorstellen müssen. Den meisten wäre z.B. ein Mensch, der mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht bei einer Beerdigung oder auf einem Schlachtfeld auftaucht, eher verdächtig. Es gibt einfach äußere Umstände, die zumindest der landläufigen Vorstellung vom Glücklichsein zuwiderlaufen.

Viele finden jedoch Glück auch unter normalen und selbst unter “glücklichen” Umständen nicht. Es scheint es mir so, dass wir das Glück aktiv suchen müssen, dass die Rollen als “Arbeitnehmer” und “Konsument”, die uns die Gesellschaft drückt, nicht dazu da sind, unser persönliches Glück zu fördern.

Doch für Gesellschaftkritik ist in diesem Artikel kein Platz.

Lasst uns über Ziele reden.

Ziele

Ein Grund, warum Menschen sich Ziele setzen, ist, dass das Erreichen dieser Ziele Glücksmomente mit sich bringt. Oft speisen sich unsere Wünsche und Ambitionen aus einem empfundenen Mangel, aus einem Unwohlsein, von dem wir uns durch das Setzen und Erreichen von Zielen befreien wollen.

Wie alle wissen, die jemals ein selbst gestecktes Ziel erreicht haben, ist das mit diesem Erreichen verbundene Glück nicht permanent. Das ist auch überhaupt nicht tragisch, denn es gibt eine unendlich große Menge von möglichen Zielen, und wenn wir eines erreicht und den damit verbundenen Glücksmoment genossen haben, können wir uns einfach ein neues setzen.

Aber es gibt einen vielleicht noch wichtigeren Grund, warum das Hinarbeiten auf Ziele eine glückssteigernde Wirkung hat.

Inneres Wachstum durch ambitionierte Ziele

Zumeist steht die Intensität des empfundenen Glücks in einem proportionalen Verhältnis zur Größe des gesteckten Ziels. Morgens aufzustehen und Kaffee zu kochen mag als Ziel zwar vielleicht einen kurzen Moment der Freude auslösen (interessanterweise scheint bei mir allein der Vorgang des Wegstreichens eines noch so trivialen Punktes auf meiner Todo-Liste bereits eine kurze, geringe, aber durchaus spürbare Endorphinausschüttung zu bewirken), doch für einen richtigen Kick braucht es ambitioniertere Ziele.

Ambitionierte Ziele erfordern immer eine Portion Mut. Sonst wären sie nicht ambitioniert. Wer sich daran macht, ein ambitioniertes Ziel zu erreichen, wird mit Ängsten konfrontiert und muss unter Umständen Dinge tun, die er vorher vielleicht nie zu tun gewagt hätte. Er muss gewissermaßen ein anderer Mensch werden.

Während solcher Transformationsprozesse erleben wir uns selbst und die Welt intensiver. Das Glück, dass ich empfinde, wenn ich mich einer alten Angst gestellt und Mut bewiesen habe, ist um vieles größer als das Glück, dass ich empfinde, wenn ich es morgens schaffe, meine Espressomaschine zu bedienen.

Im Hinblick auf das Glücklichsein lohnt es sich also, “nach Höherem zu streben”. Nicht unbedingt um des unmittelbaren Zieles, sondern vor allem um eines intensiveren Lebens Willen.

Gibt es permanentes Glück vielleicht doch?

Aber offenbar gibt es noch eine dritte Quelle des Glücks.

Wenn man den unzähligen weisen Männern und Frauen glauben schenkt, die uns seit Tausenden von Jahren ermahnen, unser Glück im Erkennen des perfekten Wesens zu suchen, das wir in unserem tiefsten Innnern bereits sind, ganz gleich, welchen Mangel wir auf anderen Ebenen spüren, dann gibt es in uns eine Quelle des Glücks, die uns nicht erst bei Erreichen eines großen äußeren Ziels, nicht nur in den exaltierten Momenten großer Wagnisse und Transformationen, sondern immer, während jeder Sekunde unseres Lebens zur Verfügung steht.

Wie erkennt man diese innere Quelle des Glücks? Nun, ich würde mich nicht gerade als erleuchtet bezeichnen, aber einige Ideen dazu habe ich - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - schon.

Sei aufmerksam

Schau öfter mal nach innen

Suche Orte abseits des Mainstreams

Suche die Gemeinschaft und auch die Einsamkeit

Beschäftige Dich mit komplexen Themen

Jeder dieser Punkte wäre einen eigenen Artikel wert, aber dann wäre dies hier keine kurze Theorie des Glücks mehr, sondern eine lange. Dann sollte ich vielleicht auch einen Ratgeber schreiben, der dann die Auslagen des Buchhandels verstopft.

Stattdessen möchte ich einfach allen, die sich für 2019 größere, kleinere oder gar keine Ziele gesetzt haben, viel Glück wünschen.

Allemande in e-Moll

Bach ist Boss
Veröffentlicht am 30.12.2017, ungefähr 100 Wörter, zum Lesen benötigte Lebenszeit ca. 1 Minute(n).
Tags: #musik #video

Die Allemande aus der e-Moll Lautensuite BWV 996, kabellos aufgenommen mit dem Mikme Mic und dem neuen iPhone. Vielleicht schaffe ich es ja nächstes Jahr auch die Gigue aufzunehmen. Die ist meine Nemesis!!

PS: YouTube empfielt mir als nächste Videos u.a.: “Amazing Truck Driving Skills - Awesome Semi-Trucks Drivers -”, “10 Filme mit Fehlern - Die niemand bemerkt hat!”, “So Amazing Hilarious Tractor Operator Fails & Recovery” und “Silikon oder nicht? Stefan testet bei Ruth Moschner - TV Total”. So ist das Leben ohne Cookies.

Talent - von der Suche nach einem Phantom

Was die meisten für den entscheidenden Faktor beim Erlernen eines Instruments halten, existiert vielleicht gar nicht.
Veröffentlicht am 12.12.2017, ungefähr 600 Wörter, zum Lesen benötigte Lebenszeit ca. 3 Minute(n).
Tags: #musik #essay

Ein Supertalent

[Dies ist ein Repost eines Artikels, den ich vor ein paar Jahren für einen Blog schrieb, der inzwischen nicht mehr online ist. Ich fand ihn aber zu schade zum Wegwerfen.]

Die Frage

Eine der Fragen, die mir während meiner Zeit als Gitarrenlehrer am häufigsten gestellt wurden, lautete: “Hat mein Kind Talent?” Oft schob das besorgte Elternteil noch die Information nach, dass das Kind nie freiwillig übe. Wenn ich Fremden erzählte, was ich beruflich tat, hörte ich oft Sätze wie “Ach, Gitarre wollte ich schon immer lernen, aber ich habe für so etwas leider überhaupt kein Talent.”

Es scheint so, als machten die meisten Menschen sehr viel von dieser vagen Sache abhängig. Ich selbst gehöre nicht zu diesen Menschen. Genauer gesagt beschleicht mich das Gefühl, dass der Begriff Talent nicht das musikalische Potenzial eines Menschen beschreibt, sondern in Wirklichkeit eine ganz andere Funktion hat.

Talent ist wie ein Phantom. Es lässt es sich nicht greifen, nicht wissenschaftlich erfassen. Und doch sprechen die meisten von uns, wenn wir jemanden sehen, der eine Sache extrem gut beherrscht, von einem großen Talent, oft bezeichnen wir diese Leute auch als Genies. Der von vielen als ein solches bezeichnete Erfinder Thomas Edison hat Genie einmal als 1% Inspiration und 99% Schweiß definiert. Wir kennen alle das Sprichwort “Übung macht den Meister.” Doch glauben wir das wirklich? Halten wir Edisons Worte nicht vielleicht doch für eine charmante Untertreibung?

Ein kleiner Selbstbetrug ist besser als ein großer

Wenn ich den Traum habe, Gitarre spielen zu lernen, aber nicht damit anfange, befinde ich mich in einem Zwiespalt. Sich einen Traum zu erfüllen bedeutet Glück zu erfahren. Wenn ich mir also diesen Traum nicht erfülle, sollte ich dafür sehr gute Gründe haben. Vielleicht spüre ich, dass meine Gründe in Wirklichkeit nicht besonders gut sind. Wenn ich mir einrede, “kein Talent zu haben,” ist das zwar nicht besonders schmeichelhaft, aber häufig doch einfacher, als mir noch unangenehmere Fragen danach zu stellen, was ich in meinem Leben wirklich erreichen will.

Wenn sich Eltern nach dem Talent ihres Kindes erkundigen, das nicht üben will, tun sie das, wie ich glaube, aus Ratlosigkeit. Das, was dem Kind fehlt, ist nicht Talent, sondern Begeisterung. Begeisterung ist der vielleicht wichtigste Faktor für Erfolg. Allerdings ist sie nicht direkt steuerbar. Niemand weiß, wann – und ob überhaupt – der Funke überspringt. Bei vielen ist die Begeisterung vom ersten Moment an da. Bei mir selbst war das jedoch nicht so. Ich schleppte mich zwei Jahre lang eher lustlos zum Gitarrenunterricht. Dann klickte es eines Tages, und die Lustlosigkeit war der Begeisterung gewichen. Seitdem haben mir eine Menge Leute “Talent” bescheinigt.

Von den wahrscheinlich über 1000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die ich unterrichtet habe, habe ich bei keinem ein musikalisches Talent feststellen können. Aber für ein Phänomen habe ich zahllose Belege. Diejenigen, die sich viel mit der Materie beschäftigten, sind schnell besser geworden, diejenigen, die das nicht taten, sehr viel langsamer.

Und solange sich musikalisches Können dadurch erklären lässt, werde ich dem Phantom Talent auch weiterhin keine Bedeutung beimessen. Ja, um einer klareren und zielführenderen Sicht auf die Entwicklung menschlichen Potenzials Willen plädiere ich für die Streichung des Begriffs aus dem menschlichen Wortschatz.

Das große iPhone 8 Review

Was gleich ist, was anders ist, und: hey, schubs mich nicht, Apple!
Veröffentlicht am 09.12.2017, ungefähr 800 Wörter, zum Lesen benötigte Lebenszeit ca. 4 Minute(n).
Tags: #technikkritik

iPhone 8

Look And Feel

Das iPhone 8 sieht im großen und Ganzen ziemlich genauso aus wie jedes andere Smartphone. Es ist rechteckig und hat ein Display aus Glas. In der Hand liegt es wie ein zu großes Stück nasser Seife.

Der Vorteil gegenüber dem iPhone X ist der Home-Button, mit dem man sich, sobald man “Random Wake”, äh, “Raise to Wake” deaktiviert hat, ein kleines bisschen Kontrolle über das Gerät zurückerkämpfen kann.

Der Home-Button ist eigentlich kein Button, sondern lediglich eine Simulation eines solchen. Das künstliche haptische Feedback ist erstaunlich. Jeder “Knopfdruck” erzeugt in mir das kurze verwirrende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt mit der Realität. Sehr passend für unsere Zeit.

Nudge

Mein altes iPhone hatte noch kein Touch-ID. Das bedeutete seit iOS 10 für mich, dass ich, um es zu entsperren, zwei Mal auf den Home-Button klicken - nicht zu schnell, sonst funktionierte es nicht - und dann den Entsperrcode eingeben musste. Unter iOS 9 war es nur ein Klick gewesen. Irgendwann hat das viele Geklicke so genervt, dass es zu einer großen Motivation wurde, ein neues iPhone zu kaufen. Jetzt reicht ein einziger Klick mit dem Daumen. Sehr schön.

Nudge nudge

Vielleicht die wichtigte Regel des User Interface Design ist, dass ein Knopf, der immer eine bestimmte Sache gemacht hat, nicht auf einmal etwas ganz anderes machen sollte. Die wichtigste Regel des Kapitalismus lautet: “Bring sie dazu, mehr von Deinem Kram zu kaufen!”

Apple hat vor ein paar Jahren entschieden, dass ein jährliches Betriebssystem-Update eine gute Methode sei, um mehr Kram zu verkaufen. Sie haben das Konzept aus der Modebranche übernommen. Wer will heute schon noch mit grünen Jeans rumlaufen? Wer will heute noch nach oben und links swipen, wenn er heute für die gleiche Funktion nach unten und links swipen kann? Wer erwartet heute noch, dass er, wenn er im Control Center auf den blauen Wifi-Button klickt, damit den Wifi-Chip deaktiviert? Wer will heute schon noch seine 200 Euro Kopfhörer in die dafür vorgesehene Kopfhörerbuchse stecken? Schließlich kann man sich doch für das gleiche Geld zusätzlich schlechtere Beats-Kopfhörer kaufen. Die haben auch Bluetooth. Und wenn Du die erstmal hast, willst Du auch Bluetooth nie mehr abschalten. Vorerst gilt für mich: endlich! Ein neuer Adapter!!

Noch kann man Wifi und Bluetooth wirklich ausschalten. Man klickt auf Settings, dann auf das entsprechende Untermenü, dann auf den On-Off Schalter. Mein Tipp an Apple für iOS 12: Macht daraus vier Klicks. Oder fünf? Nudge nudge.

Nudge nudge nudge

In iOS 11 kann man das Button-Layout jetzt individuell anpassen. Außer natürlich die Grundfunktionen: Wifi, Bluetooth, Screen-mirroring… Wie, Du weißt nicht, was Screen-mirroring ist? Damit kann man den Bildschirm des iPhone auf einen AppleTV übertragen! Wie, Du weißt nicht, was ein AppleTV ist? Das… weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es von Apple ist und dass man es kaufen kann. Und jetzt werde ich jedes Mal, wenn ich Control Center öffne, daran erinnert, dass mein iPhone eine Funktion hat, die ich nicht nutzen kann, weil ich keinen AppleTV habe.

Warum hab ich das Ding denn überhaupt gekauft?

Um die aktuelle Facebook-Werbung zu zitieren: “Mein iPhone hat für mich keinen realen Nutzen im Alltag”.

[Diese Werbung wäre eigentlich einen eigenen Blogartikel wert. “Hey, wir wissen, dass es Dir peinlich ist, bei Facebook zu sein. Wir finden uns ja selbst scheiße. Aber abmelden solltest Du Dich nicht. Schließlich sind doch alle Deine Freunde auch bei uns, auch wenn sie genauso über uns denken wie Du.” Grandios!]

Aber es ging ja ums iPhone. Vor die Wahl gestellt, ohne Facebook und WhatsApp und dadurch ein bisschen ausgegrenzt oder ganz ohne Smartphone und völlig ausgegrenzt zu leben, habe ich mich vor ein paar Jahren für die erste der beiden Alternativen entschieden. Mein erstes Händie war ein billiges Samsung, und ich habe schnell gemerkt, dass man damit ohne bei Google angemeldet zu sein nicht viel machen konnte. Google macht sein Geld mit meinen Daten. Apple macht sein Geld hauptsächlich mit teurer Hardware. Den “Ritter für den Datenschutz”, als der sie sich aufspielen, nehme ich ihnen zwar auch nicht ab, aber Apple hat immerhin auch CoreAudio, was von allen AudioEngines - ob Mobile oder Desktop - die beste ist. Androids Audio Engine ist dagegen leider ein Witz. Und ich bin halt auch Musiker.

Apple hat scheinbar echte Absatzprobleme mit dem iPhone 8. Und so haben sie mir über den Umweg Mobilfunkvertrag eines für 100EUR unter der UVP hinterhergeschmissen. Was ich damit machen werde, gibt es hoffentlich bald hier im Blog zu sehen und hören.

Im Großen und Ganzen macht es schon ein bisschen Spaß ;-)

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